07 May 2026, 12:23

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Wie die DDR ihr Erbe verdrängte

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, das zahlreiche weiße und blaue rechteckige Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Halberstadts verlorene jüdische Gemeinde: Wie die DDR ihr Erbe verdrängte

Halberstadts einst blühende jüdische Gemeinde, ein zentraler Ort des Neo-Orthodoxen Judentums, wurde unter der NS-Herrschaft systematisch ausgelöscht. Jahrzehntelang blieb ihr Erbe in Vergessenheit – selbst in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), wo die offizielle Geschichtsschreibung diese Vergangenheit nur unvollständig aufarbeitete. Nun untersucht der Historiker Philipp Graf in seinem neuen Buch „Verweigerte Erinnerung“, wie die antifaschistische Ideologie der DDR dennoch Lücken im Umgang mit dieser Geschichte ließ.

Die Zerstörung der Halberstädter Synagoge 1938 markierte den Beginn vom Ende der jüdischen Gemeinde der Stadt. Bis 1942 wurden die letzten verbliebenen Juden vor dem Dom zusammengetrieben, bevor sie deportiert wurden. 1949 entstand am ehemaligen Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge, wo Häftlinge für die unterirdische Rüstungsproduktion gezwungen worden waren, eine Gedenkstätte. Doch das Tunnelsystem der Anlage wurde in den 1970er-Jahren als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR zweckentfremdet.

Die Gedenkstätte am Lager wurde 1969 umgestaltet – zu einem Ort politischer Gelöbnisse, der direkt über den Gräbern von Häftlingen errichtet wurde. Erst 1982 erhielt Halberstadt ein eigenes Mahnmal für die ermordeten Juden, und zwar an jenem Platz vor dem Dom, von dem aus einst die Deportationen begonnen hatten.

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Trotz immateriellen Spuren jüdischen Erbes – wie der Musik Lin Jaldatis oder den Romanen von Peter Edel und Jurek Becker – erkannte die DDR die jüdische Kulturgeschichte nie offiziell an. Grafs Forschung, gestützt auf Archive, Interviews und Literatur, zeichnet nach, wie dieses „verweigerte Erbe“ fortbestand. Seine Arbeit unterstreicht auch die Notwendigkeit, sowohl rechtsextremen als auch linksautoritären Antisemitismus mit den Mitteln zu analysieren und zu bekämpfen, die seit 1949 und 1989 zur Verfügung stehen.

Grafs Buch wirft Licht auf eine Geschichte, die zweimal verdrängt wurde – zuerst von den Nationalsozialisten, dann durch die unvollständige Aufarbeitung in der DDR. Die Gedenkstätten und umgenutzten Orte zeugen heute noch vom Schweigen über eine ausgelöschte Gemeinde. Die Forschung mahnt nun eine klarere Auseinandersetzung damit an, wie autoritäre Regime – unabhängig von ihrer Ideologie – die Vergangenheit verzerren oder ignorieren.

Quelle