Der Flaggenstreit von 1926 spaltete die Weimarer Republik bis ins Mark
Maximilian BrandtDer Flaggenstreit von 1926 spaltete die Weimarer Republik bis ins Mark
Ein erbitterter Streit um die deutschen Nationalfarben erreichte im Mai 1926 einen Wendepunkt. Reichspräsident Paul von Hindenburg erließ die zweite Flaggenverordnung in dem Versuch, die Spannungen zwischen verfeindeten Lagern zu entschärfen. Doch statt die Gräben zu überbrücken, vertiefte die Maßnahme die Spaltung in einem Land, das ohnehin schon über Symbole der Identität zerrissen war.
Die Wurzeln des Konflikts lagen in den turbulentem Jahren nach 1918. Linke Gruppen wie die Spartakisten und später die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) setzten sich für Rot als Nationalfarbe ein. Gleichzeitig unterstützte ein großer Teil der Rechten zunächst Schwarz-Rot-Gold – die Farben der jungen Republik. Doch bis Mitte der 1920er-Jahre hatte sich die politische Landschaft radikal verändert.
Bis zur Reichspräsidentenwahl 1925 standen sich zwei unversöhnliche Blöcke gegenüber: Der „Schwarz-Rot-Gold-Volksblock“ vereinte die Parteien der Weimarer Koalition. Ihm gegenüber formierte sich der „Schwarz-Weiß-Rot-Reichsblock“, in dem sich die Rechte sammelte – darunter die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die Deutsche Volkspartei (DVP). Letztere forderten die Rückkehr zu den alten kaiserlichen Farben.
Der Alltag wurde zum Schlachtfeld. Streit entbrannte über Mützenbänder, Kirchturmflaggen, selbst über Strandflaggen. Beleidigungen flogen, und öffentliche Räume verwandelten sich in Schauplätze politischer Auseinandersetzungen. Die Regierung rang vergeblich nach einer Lösung.
Anfang 1926 schlug der parteilose Reichskanzler Hans Luther einen Kompromiss vor – als Reaktion auf einen Antrag der DVP, die die Wiedereinführung von Schwarz-Weiß-Rot forderte. Hindenburg griff den Plan auf und erließ am 5. Mai die Verordnung. Sie sah vor, dass deutsche diplomatische Vertretungen außerhalb Europas sowohl die republikanische Trikolore (Schwarz-Rot-Gold) als auch die Handelsflagge (Schwarz-Weiß-Rot) hissen sollten.
Doch der Vorstoß ging nach hinten los. Edwin Redslob, der Reichskunstwart, wurde mit dem Entwurf einer einheitlichen „Reichsflagge“ beauftragt, scheiterte jedoch an der Aussöhnung der Lager. Nur vier Tage später veröffentlichte Hindenburg einen offenen Brief, in dem er zu einer verfassungsmäßigen Einigung aufrief, um den Streit beizulegen. Sein Appell verhallte weitgehend ungehört.
Die Verordnung überbrückte keine Gräben – im Gegenteil: Sie verhärtete die Fronten und trieb die Linke sowie die gemäßigteren Kräfte noch entschlossener hinter Schwarz-Rot-Gold. Der Flaggenstreit blieb ungelöst, ein sichtbares Symbol für die tieferen Brüche in der Weimarer Republik.






